Plattentipps

Jeden Monat neu – die persönlichen Highlights von Markus, Tom und Holger.

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Holger empfiehlt

MAMMAL HANDS - Circadia

Viel Neues stand bei den Brüdern Nick und Jordan Smart in diesem Jahr an. Das Brüderpaar Smart (Nick spielt Piano und Jordan Saxophone) sind zusammen mit dem Schlagzeuger Rob Turner, der von GoGo Penguin zu ihnen gestoßen ist, das Trio Mammal Hands. Der Schlagzeugerwechsel war die erste Veränderung im Leben des Trios, die zweite Veränderung war der Wechsel vom Label Gondwana zum deutschen Jazz-Vorzeigelabel ACT. Das erste Album des Trios bei ACT heißt „Circadia“. Es besticht durch einen unglaublich guten Sound, die Aufnahme ist sehr differenziert. Musikalisch hat die Band sich von vielen Strömungen in der Musik beeinflussen lassen, da sind auf jeden Fall Minimal-Music, Jazz, Rock, Electronica und Folk zu nennen, die in der Musik von Mammal Hands zu hören sind. Herausragend ist das Zusammenspiel der drei Musiker, sehr dicht beieinander agieren sie. Das feine Klavierspiel ergänzt sich genial mit der Schlagzeugarbeit und über allem schwebt der fantastische Saxophone-Sound von Jordan Smart. Es ist ein musikalischer und klanglicher Genuss, den ich nur jedem empfehlen kann.
Cover von MAMMAL HANDS - Circadia
Markus empfiehlt

THE DELINES - The Set Up

Dieses Album und damit die ganze Band war für mich eine völlige Überraschung. Ich habe von den Delines immer mal wieder gehört, darunter vehement von einem sehr lieben Stammkunden von uns, der diese Band auch vor einigen Jahren für sich entdeckt hat. The The Delines werden gerne als Americana-Band kategorisiert, doch das greift viele zu kurz, da sie nicht von der typischen Prairie-Landschaft oder von Cowboy-Kitsch singen, sondern von gestrandeten, einsamen und leidgeprüften Menschen in den amerikanischen Großstädten. Gelegentlich wird die Band aus Portland, Oregon, stilistisch als Country-Soul beschrieben, was auch immer das heißen mag. Es ist jedenfalls so, dass es wunderbar viele Bläser- oder Hammond B3-Passagen gibt, die die Songs außergewöhnlich machen. Ganz besonderes auch dadurch, wie die wunderbare Sängerin Amy Boone phrasiert und erzählt. Immer eine wenig melancholisch mit sanfter Coolness, Manchmal ein wenig an Laurie Anderson erinnernd. Ich bin hellauf begeistert von diesem Album und der Band. Wer mal etwas Neues entdecken möchte, sollte unbedingt reinhören.
Cover von THE DELINES - The Set Up
Tom empfiehlt

VARIOUS ARTISTS - Help (2)

HELP (2) ist ein seltenes Beispiel dafür, dass ein Charity-Album nicht nur durch seine Absicht überzeugt, sondern durch seine künstlerische Substanz. Hinter dem Projekt steht War Child, eine Organisation, die weltweit in Kriegsgebieten arbeitet und Kindern nicht nur akute Hilfe, sondern auch Bildung, Schutz und psychologische Unterstützung bietet. Die Grundidee reicht zurück ins Jahr 1995, als mit HELP ein radikales Experiment entstand: Bands wie Oasis oder Radiohead nahmen innerhalb von 24 Stunden Songs auf, um auf den Bosnienkrieg zu reagieren. Diese Dringlichkeit war damals Teil der Ästhetik. HELP (2) überträgt diesen Ansatz in die Gegenwart, weniger extrem in den Bedingungen, aber ähnlich konzentriert in seiner Haltung.

Die Aufnahmen für die zweite Auflage fanden größtenteils in den Abbey Road Studios statt, wo Künstler in der selben Woche im November letzten Jahres parallel arbeiteten, sich gegenseitig beeinflussten und spontan kollaborierten. Diese Verdichtung von Zeit und Raum ist dem Album anzuhören: Es wirkt weder überproduziert noch beliebig, sondern getragen von einer kollektiven Energie, die man in dieser Form im heutigen Popbetrieb selten findet.

Musikalisch ist die Spannbreite groß, doch erstaunlich kohärent. Schon der Opener der Arctic Monkeys kann man als gelungenen Auftakt bezeichnen. Olivia Rodrigos Beitrag überrascht durch seine Ernsthaftigkeit, während Stücke wie „Strangers“ von Black Country, New Road eine emotionale Tiefe erreichen, die über den Anlass hinausweist. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass hier nicht bloß Material abgegeben wurde, sondern dass die Künstler sich auf die Situation eingelassen haben. Gerade darin liegt die Stärke des Albums.

HELP (2) vermeidet das oft bemühte Charity-Pathos und ersetzt es durch echte künstlerische Reibung. Dass sämtliche Einnahmen in konkrete Hilfsprogramme für Kinder in aktuellen Konflikten fließen, verleiht dem Ganzen zusätzliches Gewicht, ohne die Musik zu überlagern. Am Ende steht ein Album, das sehr gut und ungewöhnlich ist – und das sich einer einfachen Gleichung nicht entziehen lässt: Wer es ignoriert, ignoriert auch die Möglichkeit, mit geringstem Aufwand reale Hilfe zu leisten.

Cover von VARIOUS ARTISTS - Help (2)

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